Page 9 - Ärzteblatt Thüringen, Mai 2026
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Immunthrombozytopenie (ITP) –
Diagnostik und moderne
Therapieoptionen
Thomas Stauch, Max Bittrich, Rosa Sonja Alesci
Einleitung Pathophysiologie
Die Immunthrombozytopenie (ITP) ist Die ITP ist Ausdruck einer komplexen Dr. Thomas Stauch
eine erworbene Autoimmunerkrankung, Immundysregulation. Autoantikörper
die durch eine isolierte Thrombozytope- gegen thrombozytäre Glykoproteine
nie (< 100 × 10⁹/l) gekennzeichnet ist führen zur Phagozytose in Milz und Le-
und weiterhin erhebliche diagnostische ber. Zusätzlich spielen T-Zell-Dysbalan-
und therapeutische Herausforderungen cen, verminderte regulatorische T-Zel-
darstellt. Als klassische Ausschlussdia- len, ein relativer Thrombopoetinmangel
gnose wird sie im klinischen Alltag häu- sowie eine gesteigerte Neuraminida-
fig verzögert erkannt, insbesondere bei seaktivität eine Rolle. Neben dem ge-
oligosymptomatischen Verläufen. Zwar steigerten Abbau ist auch die Thrombo-
sprechen die meisten Patienten initial zytenproduktion reduziert.
gut auf eine Steroidtherapie an, jedoch
kommt es bei über zwei Drittel inner- Diagnostik
halb weniger Monate zu einem Rezidiv.
Historisch war die ITP-Therapie durch Die ITP ist eine Ausschlussdiagnose.
wiederholte oder prolongierte Steroid- Initial sollten Pseudothrombozytopeni- Dr. Max Bittrich
gaben geprägt – mit relevanter Morbidi- en ausgeschlossen und ein manuelles
tät und eingeschränkter Lebensqualität. Differenzialblutbild durchgeführt wer-
In den letzten Jahren hat sich das Ver- den. Bei atypischen Befunden oder
ständnis der Pathophysiologie jedoch Therapieversagen ist eine Knochen-
grundlegend gewandelt: Die ITP wird markdiagnostik indiziert. Ergänzend
heute als systemische Immundysregu- werden Autoimmunserologien, Virusdi-
lation verstanden. Parallel dazu wurden agnostik (u. a. HIV, HBV, HCV, CMV,
mehrere zielgerichtete, steroidfreie EBV, SARS-CoV-2) sowie eine Helico-
Therapieansätze entwickelt, die eine bacter-pylori-Testung empfohlen.
nachhaltige Krankheitskontrolle ermög-
lichen. Damit vollzieht sich ein Paradig- Therapieprinzipien
menwechsel von der reinen Blutungs-
prävention hin zu einer langfristigen Die Therapieentscheidung orientiert
immunologischen Krankheitsmodifikati- sich nicht allein am Thrombozytenwert,
on. sondern an Blutungssymptomen, Dr. Rosa Sonja Alesci
Krankheitsphase, Vortherapien, Komor-
Definition und Epidemiologie biditäten und Patientenpräferenz. Ziel
ist die Blutungsvermeidung bei mög- nicht überschreiten. Bei fehlendem
Die Diagnose der ITP basiert auf dem lichst geringer Therapietoxizität. Ansprechen oder frühem Rezidiv ist
Ausschluss anderer Ursachen der frühzeitig eine Zweitlinientherapie ein-
Thrombozytopenie sowie dem wieder- Erstlinie: Steroide zuleiten.
holten Nachweis erniedrigter Thrombo- Prednisolon oder Dexamethason füh-
zytenwerte. Die Inzidenz beträgt ren bei ca. 80 Prozent zu einem initia- Akutsituation: IVIG
2–4/100.000/Jahr, die Prävalenz 16– len Ansprechen, langfristige Remissio- IVIG sind effektiv zur raschen Throm-
20/100.000. Neben dem Kindesalter nen sind jedoch selten. Aufgrund der bozytenerhöhung bei Blutungen oder
liegt ein Erkrankungsgipfel im 6.–7. erheblichen Nebenwirkungen sollte die vor Eingriffen, jedoch nicht nachhaltig
Lebensjahrzehnt. Therapiedauer sechs bis acht Wochen wirksam.
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