Page 16 - Ärzteblatt Thüringen, Mai 2026
P. 16

S CH W E R PU NK T




          CAR-T-Zell-Therapie:

          klinischer Stellenwert und

          Versorgungs perspektiven



          Anlässlich der 100. CAR-T-Zell-Applikation
          am Universitätsklinikum Jena


          Ulf Schnetzke, Ellen Obstfelder, Farina Eigendorff,
          Andreas Hochhaus                                                      Prof. Dr. Ulf Schnetzke


          Einleitung                         schen Tumorboard wurde die Indikati-  ner Behandlung in hoch spezialisierten
                                             on zur CAR-T-Zell-Therapie gestellt. Es   Zentren mit entsprechender Expertise.
          Die CAR-T-Zell-Therapie (chimeric anti-  erfolgte die hierfür notwendige Leuka-
          gen  receptor  T-cell  therapy)  zählt  zu   pherese autologer T-Zellen, die geneti-  Biologisches Prinzip der CAR-T-Zell-
          den  bedeutendsten  Innovationen  der   sche  Modifikation  und  Reinfusion  der   Therapie
          Hämatologie und Onkologie. Innerhalb   CAR-T-Zellen nach einer lymphodeple-
          weniger Jahre hat sich diese individua-  tierenden Chemotherapie. Ziel war eine   Die  CAR-T-Zell-Therapie  ist  eine  Form
          lisierte  Immuntherapie  von  einem  ex-  gezielte  immunologische  Elimination   der  adoptiven  T-Zellimmuntherapie.
          perimentellen Ansatz zu einer klinisch   der malignen B-Zellen über den auf den   Autologe T-Zellen werden mittels eines
          etablierten Behandlungsoption für aus-  T-Zellen sitzenden chimären Antigenre-  viralen  Vektors  genetisch  so  modifi-
          gewählte  hämatologische  Neoplasien   zeptor. Im Verlauf des klinischen Auf-  ziert, dass sie einen chimären Antigen-
          entwickelt. Für Patientinnen und Pati-  enthaltes entwickelte der Patient einige   rezeptor (CAR) exprimieren. Dieser be-
          enten mit therapieresistenten oder früh   Tage nach der CAR-T-Infusion ein the-  steht aus einer extrazellulären Antigen-
          rezidivierten Erkrankungen eröffnet sie   rapietypisches  Zytokin-Freisetzungs-  bindedomäne (z. B. gegen CD19 bei B-
          realistische  Chancen  auf  langfristige   syndrom  (CRS).  Unter  engmaschiger   Zell-Lymphomen  oder  BCMA  beim
          Remissionen.                       Überwachung  und  leitliniengerechtem   multiplen  Myelom),  einer  Transmem-
          Mit der 100. CAR-T-Zell-Applikation im   Management des spezialisierten ärztli-  branregion  sowie  intrazellulären  Sig-
          Juli  2025  wurde  am  Universitätsklini-  chen und pflegerischen Teams konnte   naldomänen  (CD3ζ  und  kostimulatori-
          kum Jena ein klinischer Meilenstein er-  die  Symptomatik  rasch  kontrolliert   sche Moleküle wie CD28 oder 4-1BB).
          reicht, der exemplarisch für den struk-  werden. In den weiteren klinischen und   Nach  Reinfusion  erkennen  CAR-T-Zel-
          turellen und therapeutischen Wandel in   bildgebenden Verlaufskontrollen zeigte   len ihr Zielantigen und werden aktiviert.
          der Versorgung hochkomplexer häma-  sich  ein  komplettes  Therapieanspre-  Dies führt zu Proliferation, Zytokinfrei-
          tologischer Erkrankungen steht. Im fol-  chen  ohne  Nachweis  des  Lymphoms.   setzung und zielgerichteter Zerstörung
          genden  Beitrag  wird  die  CAR-T-Zell-  Der  Patient  befindet  sich  seither  in   der Tumorzellen. Der gesamte Prozess
          Therapie  aus  klinischer  Perspektive   strukturierter Nachsorge; die Remissi-  von der Leukapherese über die Herstel-
          eingeordnet, die aktuelle Evidenz dar-  on  wird  regelmäßig  in  der  Spezial-  lung  bis  zur  Reinfusion  erfordert  eine
          gestellt  und  werden  praxisrelevante   sprechstunde kontrolliert.   präzise  zeitliche  und  logistische  Pla-
          Empfehlungen für Ärztinnen und Ärzte   Dieser  Fall  verdeutlicht  exemplarisch,   nung inklusive einer engen Zusammen-
          in Thüringen abgeleitet.           dass die CAR-T-Zell-Therapie bei ausge-  arbeit zwischen dem ärztlichen Team,
                                             wählten Patientinnen und Patienten mit   das die Patienten behandelt, und dem
          Der klinische Fall                 refraktären  oder  früh  rezidivierten  B-  Institut  für  Transfusionsmedizin,  das
                                             Zell-Neoplasien  eine  hochwirksame   am Universitätsklinikum Jena die Leu-
          Der 70-jährige Patient wurde von einer   Therapieoption darstellt, die auch nach   kapheresen durchführt.
          niedergelassenen  Hämatologin  auf-  Versagen konventioneller Behandlungs-
          grund eines aggressiven B-Zell-Non-  strategien  eine  relevante  Krankheits-  Zugelassene Indikationen und
          Hodgkin-Lymphoms am Universitätskli-  kontrolle mit zum Teil dauerhaften Re-  klinische Evidenz
          nikum Jena vorgestellt. Trotz leitlinien-  missionen (Heilung) ermöglichen kann.
          gerechter  Erstlinientherapie  konnte   Gleichzeitig unterstreicht er die Bedeu-  Aggressives B-Zell-Lymphom (DLBCL)
          keine ausreichende Krankheitskontrol-  tung  einer  frühzeitigen  Identifikation   Die  CAR-T-Zell-Therapie  wurde  in
          le  erreicht  werden.  Im  hämatologi-  potenziell geeigneter Patienten und ei-  Deutschland  zunächst  für  Patienten




       16   ÄRZTEBL AT T THÜRINGEN • 5/2026
   11   12   13   14   15   16   17   18   19   20   21